Kinder- und Jugendpsychotherapie

Zur Situation der Kinder- und Jugendpsychotherapie als eigene Heilkunde in der gesetzlichen Krankenversorgung

Psychodynamische Liste – Bündnis KJP setzt sich grundsätzlich für die Anerkennung, Beibehaltung, die Breite und Vielseitigkeit der Richtlinienverfahren in der Vertretung der KJP ein.

Wir möchten die eigenständige Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie gemäß PsychThG bewahren und plädieren daher auch weiterhin für eine gesonderte sozialrechtliche Zulassung der KJPs und für deren eigenständige Vertretung in den Gremien der KV.

Die gegenwärtigen Diskussionen zur Ausbildungsreform bergen die Gefahr der Normierung der Psychotherapie, sowohl in Bezug auf die Verfahren als auch in Bezug auf die Altersdifferenzierung.

Die Besonderheiten der Verfahren, der Behandlungstechniken und der unterschiedlichen Inhalte werden einem vermeintlich einheitlichen Psychotherapieverständnis geopfert.

Wir wenden uns gegen diesen Prozess der vorschnellen Anpassung an einseitige psychopositivistische, oft fachfremde, gesundheitspolitische Vorstellungen, in der die Heilkunde zu einem technisch-administrativ verbrieften Behandlungsmodul degradiert werden könnte.

Sozialrechtlich wird für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie weiterhin (noch) eine eigene KV-Zulassung vorausgesetzt.

Sollte jedoch der eigenständige Heilberuf des KJPs infolge einer Novellierung aus dem Psychotherapeutengesetz verschwinden, hätte dies langfristig auch Folgen für die sozialrechtliche Absicherung.

Das eigene Fachgebiet der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie würde dann als Teilgebiet der allgemeinen Psychotherapie untergeordnet werden.

Dies hätte massive negative Folgen für die Versorgung, insbesondere vor dem Hintergrund der besonderen Belange der Kinder- und Jugendlichen und ihren Familien.

Die Neufassung der Psychotherapie-Richtlinien aus Sicht der KJP

Die kürzlich im GBA beschlossenen Veränderungen der Psychotherapierichtlinien sind ein schwerwiegender Eingriff in die Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und ihren Bezugspersonen. Folgende Punkte sehen wir aus der Perspektive der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie besonders kritisch:

Einsatz von Dokumentationsbögen
Gemeinsam mit den Patienten bzw. bei Kindern und Jugendlichen, ggfs. mit deren Bezugspersonen, soll ein Dokumentationsbogen ausgefüllt und bei Behandlungsbeginn an den Gutachter weitergeleitet werden. Das gerade zu Beginn einer Behandlung sich entwickelnde Behandlungsbündnis und der Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung kann dadurch massiv gestört werden.

Die gesetzlich verpflichtende Erhebung dieser Daten halten wir sowohl rechtlich wie auch ethisch für außerordentlich problematisch. Ein psychotherapeutisches Arbeitsbündnis gründet auf eine Neutralität, eine offene und nicht wertende Haltung des Psychotherapeuten gegenüber seinen Patienten.

Bei Kindern und Jugendlichen gilt dies auch für deren Bezugspersonen. Fragen nach einem "abnormen Erziehungsstil" diskreditieren und konterkarieren den therapeutischen Auftrag, die Elternschaft zu stärken.

Verpflichtende Einschätzung der Intelligenz
Bei Kindern und Jugendlichen wird grundsätzlich ein Intelligenztest beziehungsweise die Einschätzung der Intelligenz verlangt, ohne dass dies aus fachlicher Sicht immer notwendig ist. Im Gegenteil belastet auch diese generell vorgeschriebene Erhebung ggf. das psychotherapeutische Arbeitsbündnis.

Probatorik
Die beschlossene Beschränkung der Probatorik auf nur 4 Stunden ist insbesondere für das bifokale Arbeiten in der KJP eine unnötige Beschränkung und Beschneidung patientenindividueller Spielräume. Der Psychotherapeut klärt innerhalb der Probatorik, ob
• eine ausreichende Therapiemotivation besteht
• und ein stabiles Arbeitsbündnis mit dem Patienten und seinen Bezugspersonen aufgebaut werden kann. Die unnötige Einschränkung/Beschränkung auf 4 Stunden stellt unserer Meinung nach eine Überregulierung dar, die sich fachlich nicht begründen lässt.

Unsere politischen Ziele sind:
Die Umsetzung der KJP-Quote: Nachdem sich der Vorstand der KV-Hessen lange weigerte, Einblick in die Daten zur Versorgungssituation von Kindern und Jugendlichen in Hessen zu geben, wurde auf Bundesebene die Umsetzung der KJP-Quote erreicht. Die Bedarfsplanung braucht eine gesetzgeberische Veränderung: Zwar konnte die Quote für KJP zu Gunsten vermehrter Zulassung verändert werden und Sonderbedarfszulassungen konnten gravierende Versorgungslücken schließen. Ziel bleibt aber weiter eine grundsätzlich gesetzliche Regelung zur Absicherung der Versorgungsdichte durch KJP.
Beseitigung regionaler Versorgungslücken: Trotz der Umsetzung der KJPQuote in Hessen ist die Versorgungssituation regional sehr unterschiedlich und zum Teil sehr unbefriedigend. Diese Unterschiede in der Versorgungsdichte müssen durch die Einführung einer kleinräumigen Bedarfsplanung aufgehoben werden: Mehr als eine Stunde Anfahrtszeit zum nächsten Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten sind weder für die Patienten noch für ihre Bezugspersonen zumutbar! Erhalt und Berücksichtigung der Spezifika von Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie (z.B. eigene Ordinationsgebühr): die Behandlung von Kindern und Jugendlichen muss als eigenes Fachgebiet anerkannt und erhalten bleiben.
Der Fortbestand der Säuglingspsychotherapie als Teil der Richtlinienpsychotherapie muss selbstverständlich sein, da sie einen unschätzbaren präventiven Wert hat und die Behandlungserfolge inzwischen umfangreich belegt sind.
Die kritische Auseinandersetzung mit Selektivverträgen und Verträgen zur Integrierten Versorgung im KJPBereich (ADHS-Vertrag, Vertrag zu Essstörungen) muss im Sinne einer qualifizierten Versorgung im Interesse der Patienten fortgesetzt und intensiviert werden.

Die Zunahme psychischer Erkrankungen hat zwar einerseits zu einer vermehrten Akzeptanz von psychotherapeutischen Behandlungen geführt, doch gleichzeitig hat gerade in Deutschland die Verordnung von Medikamenten bei Kindern und Jugendlichen unverhältnismäßig stark zugenommen. Art und Umfang dieser Behandlung müssen fachlich hinterfragt und politisch immer wieder auf den Prüfstand gestellt werden.

Die psychische Belastung für Kinder und für Jugendliche hat in den letzten Jahren enorm zugenommen. Als akademischer Heilberuf hat die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie hier die gesellschaftspolitische Verantwortung, diese krisenhafte Entwicklung zu reflektieren und der Gesellschaft ins Bewusstsein zu rufen.

Die Migration nach Europa verlangt nach Antworten, die insbesondere auch die Psychotherapie von Kindern und Jugendlichen betreffen. Es müssen Überlegungen zu einer hinreichend guten Behandlung von psychisch kranken Kindern und Jugendlichen gefunden werden.

Ein wichtiger Aspekt hierbei ist auch, der Politik zu verdeutlichen, wie zentral stabile Rahmenbedingungen für das Gelingen von Therapie sind. Die bürokratischen Hürden von Seiten der KV müssen verringert werden.

Es müssen im Zuge dieser Entwicklung Möglichkeiten zur Versorgung von unbegleiteten Minderjährigen geschaffen werden. Die Zusammenarbeit mit anderen Hilfeeinrichtungen (Jugendhilfe, Jugendgerichtshilfe, Beratungsstellen) muss deutlich verbessert, institutionell gefördert und sozialrechtlich reformiert werden.

Die avisierten allgemeinen Standards der Psychotherapie drohen insbesondere die Spezifika der Behandlung von Kindern und Jugendlichen zu nivellieren und hierdurch die Qualität der Richtlinienverfahren zu unterlaufen. Auch die neu beschlossenen Psychotherapie-Richtlinien enthalten unnötige Normierungen und Beschränkungen für die Arbeit der KJP, die der Spezifität unseres Berufes nicht gerecht werden.

"Die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie muss darum weiterhin mit eigener Stimme vertreten sein, um zu verdeutlichen, dass sie eine besondere Patientenklientel behandelt. Die besonderen Bedingungen der Psychotherapie bei Kindern und Jugendlichen erfordern umfangreiche spezifische Kenntnisse, um diese Behandlungen durchzuführen zu können." Der KJP-Sitz im Beratenden Fachausschuss muss von einem ausschließlichen KJPler wahrgenommen werden.